Übersetzung aus dem Niederländischen


Lebhafter als der Rest

Seit seiner Jugend kämpft er die gegen die Unruhe in seinem Kopf und seine Konzentrationsprobleme. Dennoch sieht Bart Lukassen (43) die positive Seite des Lebens mit ADHS.

Dass ich anders war, wusste ich schon immer und meine Umgebung wusste es auch. Aber meine Eltern haben dies nicht in Verbindung mit ADHS gebracht. Zu meiner Zeit wurde auch noch nicht so danach geschaut. Sie empfanden mich als ein offenes, fröhliches, aber auch anstrengendes Kind. Als ich Blockflöte spielen lernen sollte und ich es nicht wollte, habe ich gefragt: Was passiert, wenn ich es nicht mache? Die Antwort war, dann bekommst Du „eine 6“. Naja, dann halt eine 6, habe ich gesagt.

Wenn etwas mich nicht interessiert hat, konnte ich mich nicht damit auseinandersetzen. Ich konnte mich nur auf die Dinge fokussieren, die ich wirklich mochte. In der Schule resultierte daraus, dass ich nicht aufgepasst habe, meine Hausaufgaben nicht gemacht habe und nicht wusste, was zu tun ist. Was bei mir aber gut ging, war Sport: Tennis und Fußball. Dabei hat es mir keinerlei Mühe bereitet, alles zu geben. Beim Sport konnte ich meine Energie einsetzen und abbauen. Zwar verschwindet ADHS auch dann nicht, aber man tut etwas, was einem am Herzen liegt. Und man ist körperlich gefordert, so dass man keine Zeit hat, unruhig zu sein oder nachzudenken oder die Aufmerksamkeit zu verlieren.“

Es ist mein Glück gewesen, dass ich bei der Eliteeinheit der Marine gelandet bin als ich 20 Jahre alt war. Die Schule war für mich keine Erfolgsgeschichte. Ich bin auf 4 oder 5 Schulen gewesen, angefangen auf dem Gymnasium und abgerutscht bis zur Hauptschule. Letztendlich habe ich die Schule ohne Abschluss verlassen und musste danach zum Wehrdienst. Nach einem schweren Auswahlverfahren wurde ich bei der Eliteeinheit der Marine angenommen. Dort bin ich in einem System gelandet, in welchem ich mich wohlgefühlt habe. Wo die Menschen eine Erwartungshaltung mir gegenüber hatten, die ich erfüllen konnte. Ich musste schon einiges lernen, aber eben Dinge, die ich interessant fand. Ich konnte dort Sport machen. Die Kombination aus klaren Strukturen und disziplinierter Arbeitsweise war eine sichere Umgebung für mich. Es passte wie angegossen.“

Als ich älter wurde, habe ich mich gefragt, was ich dort sonst noch machen sollte. Ich saß immer noch in Krisengebieten, wobei ich fand, dass wir dort gar nichts zu suchen hatten. Gibt es nicht noch andere Dinge, in denen ich gut bin? Bei der Eliteeinheit der Marine geht man relativ früh in den Ruhestand. Ältere Kollegen sitzen die letzten Jahre nur noch ab. So wollte ich nicht enden. Ich wollte dauerhaft etwas machen, was mir gefällt.“

Ich bekam die Chance, die letzten 2 Jahre meiner Dienstzeit zu studieren. Nach 15 Jahren kam ich im Alter von 35 Jahren wieder in die Zivilgesellschaft zurück. Schnell fand ich einen Job als Berater in der Medienbranche. Auf einmal wurden mir ganz andere Dinge abverlangt. Ich kämpfte mit denselben Sachen wie in der Schule. Ich musste mich neu erfinden und lernen effizienter und effektiver zu sein. Anderen besser zuzuhören. Menschen nicht so oft zu unterbrechen.“

Inzwischen tauchten auch noch weitere Probleme auf, die alle aus meiner Kindheit herrührten. Probleme mit Finanzen, Emotionen und eine konstante Unruhe, gegen die ich mein ganzes Leben angekämpft habe. Als erstes probierte ich, diese über Coachingmaßnahmen im Job in den Griff zu bekommen. Aber damit konnte ich nicht alle Probleme lösen. Über meinen Hausarzt kam ich zu einem Psychologen. Dort stellte sich heraus, dass ich ADHS habe.“

Das Gute an der Diagnose ist die Klarheit, dass es nicht an meinem fehlenden Willen liegt, sondern etwas, was ich einfach nicht kann. Jeder hat Aufmerksamkeitsprobleme und empfindet es als schwer etwas zu tun, was er nicht mag. Da es für mich aber deutlich mehr als das ist, macht es sehr schwer, es jemandem zu erklären, der kein ADHS hat. Es ist ein wirkliches Problem im Gehirn, diese Bereiche in meinem Gehirn funktionieren nicht.“

ADHS ist etwas, das man nicht ändern kann. Man kann jedoch Strategien entwickeln, um damit umzugehen. Man entwickelt andere Wege, um eine Aufgabe gut zu bewältigen. Ich bin beispielsweise gut darin geworden, systematisch zu arbeiten. Listen erstellen, Aufgaben in kleine Portionen aufteilen, ordnen.“

Ich könnte Medikamente nehmen, aber das ist nichts für mich. Mir gefällt der Grundgedanke dahinter nicht: Wirf Dir erst einmal ein paar Pillen ein, dann wirst Du ruhig und kannst auch eine kognitive Verhaltenstherapie machen. Ich möchte lieber erst sehen, ob ich es nicht selbst lösen kann, ohne Medikamente. Ich nehme aber LTO3, ein Nahrungsergänzungsmittel. Das hilft sehr gut. Früher drehte mein Hirn Tag und Nacht mit 10.000 Touren. Das führte dazu, dass ich mich ständig unruhig gefühlt habe. Seit ich LTO3 nehme ist das viel besser geworden. Der Nebel hat sich aufgelöst. Zudem bin ich viel ruhiger im Kopf geworden. Dadurch kann ich mich besser fokussieren und leichter nachdenken, bevor ich eine Entscheidung treffe.“

Was ich jetzt vor allem lernen will, ist mehr in Kontakt mit meinen Emotionen zu kommen. Meine Mutter hat früher immer gesagt, dass ich kein Gefühl habe. Es ist wohl vorhanden, aber ich kann es einfach nicht. Wirklich fühlen kann ich kaum. Wohl, wenn es um die Gefühle anderer geht. Wenn meine Freundin traurig ist oder wenn ich „Die Auswanderer“ sehe, kann ich sehr wohl emotional werden. Aber um meine eigenen Gefühle habe ich eine Mauer gebaut. Seit Kindheit an bin ich sehr frustriert, dass ich in dem bestehenden System nicht funktioniere. Ich habe es nicht verstanden, setze die Menschen herab. Die Menschen sind immer gegen mich: Du kannst so gut lernen, Du bist so intelligent, Du machst es aber nicht. Ich verstand es selber auch nicht. Es hat meinen Eltern viel Kummer bereitet, aber mir auch. Um damit klar zu kommen, habe ich eine Mauer um mich gebaut, damit ich alle diese Gefühle und Negativität abwehren und mich selbst beschützen kann. Ich wäre sonst untergegangen.“

Auf der anderen Seite ist es auch eine meiner Stärken, nicht so schnell emotional zu werden. Das macht mich perfekt, um mit stressigen Situationen umzugehen. Gleichzeitig ist es meine größte Schwäche. Ich möchte es nur etwas besser ausbalancieren. Lernen, dass es nicht schlimm ist zu fühlen, dass es nicht schlimm ist, traurig zu sein. Letzte Woche habe ich für mich realisiert, dass ich mein ganzes Leben gegen die Symptome von ADHS kämpfe. Ich sehe es wie Don Quichote: Ich kämpfe gegen Dinge, die ich nicht gewinnen kann. Ich muss akzeptieren, dass ich es habe. Und mich dabei nicht schuldig fühlen.“

Es ist mein Glück, dass ich eine positive Einstellung habe. Wenn ich etwas will, dann bekomme ich es auch normalerweise hin. Immer wenn jeder denkt, dass ich es nicht kann, bin ich am besten. Dann komme ich in eine Art „Hyperfokus“, um das Ziel zu erreichen. Es ist noch nicht lange her, da habe ich mit einer Internetplattform für Erwachsene mit ADHS begonnen. Meines Erachtens gab es noch keine gute Plattform, also habe ich sichergestellt, dass es eine gibt. In den ADHS-Foren wird für mein Empfinden zu viel geklagt. Ich verurteile das nicht, aber so bin ich nicht. Ich wollte eine Plattform mit einer positiven Sicht auf ADHS ohne die Realität aus den Augen zu verlieren. Daher auch der Name: adhdpositief.nl.“

ADHS hat auch sehr viele Vorteile. Es gibt mir die Energie, mich selbst zu entdecken und zu lernen. Ich bin kreativer, schaue auf eine andere Weise auf die Probleme. Das sind Pluspunkte, die mir sehr viel gebracht haben. Ich möchte es nicht missen. Ich muss nur die Ecken und Kanten polieren.“


ADHS bei Erwachsenen

Früher hat man gedacht, dass ADHS eine „Kinderkrankheit“ ist, die von selbst verschwindet, wenn man erwachsen wird. Heute wissen wir, dass die Hälfte bis Dreiviertel aller ADHS-Kinder auch noch als Erwachsene damit Probleme haben. Die Erkrankung ist später im Leben nur deutlich schwerer zu erkennen, weil die Erwachsenen Strategien entwickelt haben, um mit ihren Aufmerksamkeitsproblemen und der Hyperaktivität umzugehen. Sie erstellen Listen, setzen sich selbst Deadlines. Sie machen viel Sport. Oder sie haben eine Arbeit gefunden, wo sie ihre Energie in physische Aktivität umsetzen können. Besonders bei Frauen wird ADHS oft übersehen. Bei ADHS unterscheidet man verschiedene Typen. Mädchen haben oft den Typ I (der früher als ADS bekannt war). Sie haben auch Probleme mit der Konzentration, aber sie haben nicht die Hyperaktivität und Impulsivität des durchschnittlichen ADHS’lers. Sie sind die verträumten, unaufmerksamen Kinder, mit denen keiner Probleme hat und die nur selten bei einem Psychologen landen. Aber sie selbst können große Schwierigkeiten mit der ganzen „Unruhe in ihrem Kopf“ haben.

Modekrankheit?

Früher nannten wir sie „lebhafte Kinder“. ADHS wurde oft als Modeerscheinung abgetan. Für einen ADHS’ler ist es schwierig darzulegen, womit er genau zu kämpfen hat. Die häufigsten charakteristischen Eigenschaften von ADHS sind: Sich schlecht fokussieren zu können, Hyperaktivität und Impulsivität. Und damit hat jeder von Zeit zu Zeit mehr oder minder seine Last. Aber ADHS’ler haben diese Beschwerden ständig und in extremer Ausprägung. Besonders schwierig wird es dadurch, dass ADHS’ler sich manchmal extrem gut fokussieren können. Nämlich dann, wenn sie eine Sache sehr interessiert. Das nennt man Hyperfokus. Für das Umfeld ist dies oft der Grund, ADHS als „Anstelleritis“ zu bezeichnen: Wenn Du es wirklich willst, kannst Du es auch. Aber ADHS ist kein Gespinst von Eltern, die sich keinen Rat mehr mit ihren schlecht erzogenen Kindern wissen, wie manchmal behauptet wird. Gehirn-Scans zeigen, dass auf der Hirnebene etwas vor sich geht. Die Gehirne von Menschen mit ADHS sind im Durchschnitt 2% kleiner als die von Menschen ohne ADHS. Obwohl das nicht die ganze Wahrheit ist. Auch das Hirnvolumen der Geschwister von ADHS’lern, die selbst kein ADHS haben, ist kleiner, wie kürzlich eine Untersuchung der Nijmegener Universität gezeigt hat. Ein geringeres Hirnvolumen macht ein Kind offensichtlich anfälliger für ADHS, was aber nicht heißt, dass es dieses auch tatsächlich entwickelt.


 

Original Artikel im Niederländischen

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